Droites - Nordwand - Ginatroute (16.2.2001)

Am Parkplatz
Jahrelang waren die Firngleiter in meinem Keller gelegen. Ein paar mal hatte ich sie mitgenommen, aber dann doch immer im Auto liegen gelassen. Entweder weil ich dachte, dass der Aufwand sie zu tragen grösser wäre als der Nutzen beim Abfahren oder weil ich mir keinen Vorteil gegenüber meinem Seilpartner verschaffen wollte. Ein einziges Mal hatte ich sie ausprobiert, an einem kleinen Hügel im Schwarzwald. Dort, ohne Rucksack, ging es überraschend gut. Fast so wie mit Skiern, nicht so elegant, aber doch einigermaßen sicher. Jetzt stehe ich am Parkplatz der Grands Montets-Bahn in Argentière wieder einmal vor der Wahl: mitnehmen oder nicht? Hätte Ingo seinen Rucksack etwas schneller gepackt, wäre es wohl ausgegangen wie immer: die Firngleiter wären im Auto geblieben. Aber ich muss noch ein paar Minuten warten und ich denke an die Abfahrt von der Gipfelstation zum Argentieregletscher und besonders an den langen Weg über das Mer de Glace nach Montenvers, der uns, wenn alles glatt gehen sollte, im Abstieg erwarten würde. Und plötzlich nehme ich meinen Rucksack wieder ab und stecke die Firngleiter unter die Deckeltasche. Sie sind aus Metall und ziemlich schwer, aber das stört mich jetzt nicht mehr. In einer halben Stunde befördert uns die Seilbahn in zwei Etappen zur Gipfelstation auf 3295 m. Mit uns fahren eine Vielzahl von tiefgebräunten und modisch gestylten Skifahrern. Fragend schauen einige auf unsere grossen Rucksäcke. Aber ich habe keine Lust, ihnen von unseren Plänen zu erzählen. Sie würden uns sowieso nicht verstehen. Für die meisten von ihnen sind doch alle Berge auf die kein Lift führt und von denen man nicht hinunterfahren kann nur Beiwerk. Schön anzuschauen, aber im Grunde genommen unnütz. So schaue ich weg und keiner traut sich etwas zu fragen. Von der Gipfelstation steigt man zunächst wieder 600 Hm ab zum Argentieregletscher über den man dann relativ eben die gleichnamige Hütte erreicht. Ich schicke Ingo in dem Wissen voraus, dass ich ihn schon bald überholen würde. Ich muss nur noch die Firngleiter, die keine richtige Bindung haben, an meine Plastikstiefel schnüren. Als ich losfahren will, merke ich aber bald, dass es einen gewaltigen Unterschied gibt zwischen dem Fahren mit und ohne Rucksack sowie dem Fahren auf einem flachen Hang und einer unpräparierten Buckelpiste. Die Folge ist, dass ich schon nach kurzer Zeit aufgrund der vielen Stürze aussehe wie ein Schneemann. Wenn ich mein Gewicht nach vorne verlagere, bohren sich die Spitzen in den nächsten Buckel, lehne ich mich aber nach hinten, so kippe ich sofort weg weil die Gleiter schon wenige Zentimeter hinter meiner Ferse enden. Und jedesmal wenn ich den Hang hinunterschaue, sehe ich wie sich Ingo, der mit grossen Schritten talwärts steigt, immer weiter entfernt. Ich bin froh als ich endlich den Gletscher erreiche und wieder zur normalen menschlichen Fortbewegungsart übergehen kann. Insgeheim schaue ich danach aufmerksam umher, ob sich nicht eine offene Gletscherspalte anbieten würde um mich endgültig von den in meiner Gunst ziemlich gesunkenen Skiimitaten zu trennen. Leider entdecke ich keine und so bleibt mir die Hoffnung, dass sie mir im Abstieg vielleicht eine bessere Hilfe sein würden.

Auf der Hütte
Die Hütte ist überraschend voll und wir haben Mühe einen Platz zu finden um unsere Sachen abzustellen. Die meisten Anwesenden wohnen anscheinend schon einige Tage hier, sehen dementsprechend etwas verwildert aus und sind in angeregte Gespräche über diese oder jene Tour vertieft. So wie sich die Sportkletterer stundenlang über das berühmte Einfingeruntergriffloch unterhalten können, geht es hier um Steilheitsgrade und Eisverhältnisse. Alle machen einen ziemlich professionellen Eindruck und ich komme mir als Gelegenheitsalpinist etwas verloren vor. Während wir kochen höre ich zufällig wie sie auch auf unser Ziel, die Droites-Nordwand, zu sprechen kommen. Zwei Österreicher, die sich schon in die Lager verzogen haben, wollen heute Nacht anscheinend einsteigen. Aber die würden sich noch wundern. Die Verhältnisse seien unwahrscheinlich schlecht und bei dem harten Eis würden sie entweder schnell umkehren oder zwei Tage für die Wand brauchen. Eigentlich hatte ich im Laufe meines Bergsteigerdaseins gelernt, auf so ein Hüttengerede nicht allzu viel zu geben. Im Internet hatte ich gelesen, dass die Wand bei sehr hartem aber ausreichendem Eis gemacht worden wäre und die Typen hier hatten die Wand auch nur aus der Ferne gesehen. Mein Eindruck beim Hüttenzustieg war jedenfalls besser als in den Jahren zuvor. Aber ich sagte eigentlich, denn etwas verunsichert war ich plötzlich doch. Hatte ich nicht in den letzten Jahren öfters Pech mit meinen geplanten Touren gehabt. Einmal waren die Verhältnisse schlecht, ein anderes mal das Wetter nicht optimal und beim Versuch der Matterhorn-Nordwand war mir gar die Haue meines Eisgerätes gleich am Einstieg abgebrochen. Das alpine Selbstbewusstsein war dadurch bereits zuvor etwas angeknackst und durch das gehörte wurde es keinesfalls besser. Während wir den in einem riesigen Topf hereingetragenen Schnee auf dem Kocher schmolzen und unser Abendessen bereiteten stand für mich plötzlich die alpine Sinnfrage im Raum: "Warum das Ganze?" Wäre es nicht viel schöner jetzt zu Hause bei der Familie zu sein anstatt hier in einem kalten, unbeheizten Winterraum mit irgendwelchen fremden Gestalten zu sitzen und mit wachsendem Unbehagen an unser geplantes Unternehmen zu denken? Ingo ging es in diesem Augenblick genauso. Wäre doch nur ein kleines Fragezeichen über dem Wetterbericht gestanden, so hätten wir einen Grund morgen auszuschlafen und wieder ins Tal abzusteigen. Aber die Vorhersage war super: kein Wind, für Februar relativ warm sowie weit und breit keine Wolke. Also wir müssen da durch. Es ist einfach immer das Gleiche: zu Hause auf dem warmen Sofa schmiedet man leicht große Pläne, steht man dann vor der Wand sieht das ganze plötzlich komplett anders. Gegen acht legen wir uns in die Lager. Viele hier haben eigene Schlafsäcke dabei und so können wir uns unter so vielen Wolldecken verkriechen, wie wir nur wollen. Der Wecker steht auf 0.45 Uhr. Deshalb bemühe ich mich schnell einzuschlafen. Trotz der Aufregung gelingt dies und als ich das erste Mal aufwache um beruhigt festzustellen, dass immer noch einige Stunden Schlaf bleiben sind die Zweifel plötzlich wie weggeblasen. Später höre ich im Halbschlaf wie die Hüttentüre knarrt. Das müssen die Österreicher sein, die schon wesentlich früher aufbrechen als wir. Als der Wecker sich meldet, bin ich richtig froh, dass es nun endlich losgeht. Wir essen ein wenig, genießen noch ein warmes Getränk, ziehen uns an und treten wenig später vor die Hütte.

Im unteren Wandteil
Es ist sternenklar, in der Nähe des Einstieges sehen wir die Stirnlampen der beiden Österreicher leuchten. Gar nicht schlecht, denke ich mir, dann ist der Weg dort hinüber wenigstens schon gespurt. Doch leider treffen wir erst kurz vor dem Bergschrund auf ihre Spuren. Die letzten Meter dort hin sind sehr mühsam, da wir bei jedem Schritt weit einsinken. Wie wir schon am Vortag aus der Ferne vermutet hatten ist die beste Stelle die Randkluft zu überwinden sehr weit links. Als ich sie übersteigen will, knackt es verdächtig und ich springe erschreckt zurück. Wir holen das Seil aus dem Rucksack und sichern diese Passage. Ich versuche es nochmal und die Schneebrücke hält. Danach binden wir uns wieder aus und steigen in schönem Trittschnee den Spuren unserer Vorgänger hinterher. Wir queren zunächst meistens nach rechts und müssen dann sogar wieder etwas absteigen bevor es schließlich richtig hoch geht. Als wir die erste steilere Passage erreichen, ein schmales, von unten schlecht einsehbares Couloir, ändert sich die Eisqualität. Es wird blank, von oben kommen einige Eisbrocken geflogen, so dass uns die Entscheidung leicht fällt, die Seile erneut auszupacken. Aber schon nach wenigen Metern wird es wieder flacher und so steige ich zügig empor. Wir erreichen das große Eisfeld. Von unten hatte es gestern hellgrau ausgesehen, aber ein schmaler weißer Streifen hatte uns etwas Hoffnung auf eine Firnauflage gegeben. Sie ist zwar da, doch leider sehr dünn. Unseren ursprünglichen Plan, im unteren leichten Teil so viel wie möglich seilfrei zu klettern, geben wir deshalb auf. Außerdem kommt weiterhin regelmäßig abgeschlagenes Eis unserer Vorgänger angeflogen, was beim ungesicherten Steigen sicher noch unangenehmer wäre als es so schon ist. Um etwas schneller zu sein, steigen wir am langen Seil gleichzeitig höher. Zwischen uns sind aber immer 2-3 Eisschrauben gesetzt, so dass im Falle eines Sturzes nichts passieren kann. Allerdings benötigt das ein- und ausschrauben viel Zeit, so dass wir fast 6h von der Randkluft bis zum Ende des Eisfeldes unterwegs sind. Wenigstens hat dies den Vorteil, dass es bisher weniger anstrengend ist, als wir es erwartet hatten. Doch das würde sich noch ändern.

Zunehmende Erschöpfung
Inzwischen ist es hell geworden. Wir haben die Österreicher nun fast eingeholt. Sie steigen gerade in die Jacksonvariante ein. Diese ist schwieriger als die von uns geplante Ginatroute, aber meist wegen fehlenden Eises gar nicht möglich. Doch zurzeit gibt es genügend Eis. Wir hatten diese Variante vorher gar nicht in Erwägung gezogen, doch bei dem Anblick dieses etwa hundert Meter hohen, nahezu senkrechten Aufschwunges steigt in mir die Lust dort hinauf zu steigen. Angesichts des uns entgegenfliegenden Eishagels nehmen wir aber schnell Abschied von diesem Gedanken und wenden uns weiter nach links. Um die Ginatroute zu erreichen, müssten wir eine knappe Seillänge nach links queren und weiter oben wieder zurück nach rechts. "Warum so kompliziert wenn es auch einfach geht?" denke ich mir und schlage vor einfach gerade hoch zu steigen. Diese Möglichkeit geht sicherlich nur dann, wenn wie zurzeit recht viel Eis vorhanden ist. Es ist zwar etwas steiler als die Originalroute, aber wir sparen uns einige Klettermeter. Verglichen mit der Steilheit beim Wasserfallklettern ist es immer noch ziemlich flach, vielleicht 80 Grad. Dort wäre das eine tolle Genusskletterei, hier oben macht sich nun aber der Rucksack erstmals negativ bemerkbar und plötzlich bilde ich mir ein, dass dies nur an den Firngleitern liegt. Wieder kommt mir der Gedanke sie kurzerhand aus dem Rucksack zu entfernen und talwärts zu befördern. Es würde bestimmt lustig auszusehen zwei einsame Firngleiter über das große Eisfeld rutschen zu sehen. Vielleicht würde sie unten jemand einsammeln und sich über den unerwarteten Fund freuen. Zumindest so lange bis der Finder sie erstmals ausprobieren würde. Aber dann denke ich doch wieder an den Abstieg und die Tatsache, dass ich sie jetzt schon über die halbe Wandhöhe herauf geschleppt habe und lasse sie im Rucksack. Nach zwei Seillängen kommen wir zu einer Stelle, wo wir etwas rechts haltend zwischen Felsen hindurch wieder auf die Linie der Jacksonroute treffen. Bei dieser Passage hatte man von unten nicht sehen können, ob durchgehend Eis vorhanden ist. Es gibt aber einen schmalen Eisstreifen und ich bin ganz froh hin und wieder mal den Fuß auf einen Absatz im Fels setzen zu können um die Waden etwas zu erholen. Hier finden wir auch die einzigen beiden Felshaken der ganzen Tour. Die folgenden Seillängen wechseln in ihrer Steilheit meist zwischen 60 und 75 Grad. Aber egal wie steil, das Eis ist überall extrem hart. Jeder Schlag mit den Eisgeräten und den Steigeisen kostet viel Kraft und das rein- und raus drehen der Eisschrauben wird immer mehr zu einem Gewaltakt. Die Schrauben quietschen beim rein drehen, ich drehe oft mit beiden Händen bei größter Kraftanstrengung. Teilweise lasse ich sie sogar noch ein Stück rausstehen und binde sie ab weil das Drehen mich zu sehr anstrengt. Am Stand verzichte ich öfters auf eine zweite Schraube da das harte Eis wenigstens den Vorteil hat, dass die Schrauben hundertprozentig vertrauenserweckend sind. Ich hatte bisher weder in einem Wasserfall noch in einer Eiswand so ein hartes Eis erlebt und auch die Österreicher, die wir später trafen, sagten ähnliches. Zum ersten Mal in der Tour machen wir eine kurze Pause um etwas zu essen und zu trinken. Hunger habe ich nicht viel, aber der lauwarme Tee ist eine Wohltat. Der Platz ist jedoch ziemlich unbequem, weit und breit ist aber kein besserer zu sehen. In der ganzen Wand haben wir keinen einzigen Absatz gefunden, an dem man richtig stehen kann. An den Ständen versuche ich dauernd irgendeine Position einzunehmen, die die Waden ein wenig entlastet, doch meistens gelingt mir dies nicht. Wo man in dieser Wand biwakieren soll ist mir ein Rätsel. Die Erstbegeher haben damals gleich mehrere Male biwakiert, aber sie durchstiegen die Wand im Sommer. Vielleicht sieht es dann etwas anders aus. Wir steigen weiter, aber wir kommen nur sehr langsam vorwärts und allmählich mache ich mir Sorgen, ob wir noch vor Einbruch der Dunkelheit die Breche erreichen werden. Abseilen im Dunkeln in unbekanntes Gelände stelle ich mir fast genauso unangenehm vor wie ein Winterbiwak in dieser Wand. Wir versuchen so schnell es geht zu steigen. Doch neben der anstrengenden Kletterei machen sich auch die Höhe, der wenige Schlaf und die Länge der Tour bemerkbar, so dass wir immer wieder Verschnaufpausen einlegen. Die Österreicher vor uns sind anscheinend genauso erschöpft. Obwohl wir wirklich sehr langsam sind, bleibt der Abstand zu ihnen ungefähr gleich. Auf einmal höre ich hinter uns einen Hubschrauber, der über dem Argentieregletscher kreist. Ist wohl hoffentlich nirgends etwas passiert. Doch wie es aussieht, ist es nur ein Routineflug. Mir fällt eine Geschichte von Nico Mailänder ein, die ich vor Jahren gelesen hatte. Sie wurden nach einer Winterdurchsteigung der Civetta-Nordwestwand in der Nähe des Gipfels von einem zufällig vorbeifliegenden Hubschrauber mitgenommen. "Der könnte uns ruhig auch nachher in der Breche abholen und ins Tal fliegen", denke ich mir. Heute Nacht im Warmen liegen, essen und trinken und den ganzen langen Abstieg auslassen. Geniale Vorstellung. Da wäre es mir sogar total egal, dass ich die elenden Firngleiter ganz umsonst mitgeschleppt hätte. Leider bleibt das Ganze nur ein schöner Traum. Endgültig daraus aufgeweckt werde ich, als ich ein kurzes Zischen von oben höre und mir ein Eisbrocken auf das Handgelenk fliegt. Ich schreie auf und spüre einen stechenden Schmerz, im ersten Augenblick befürchte ich, dass etwas gebrochen sein könnte. Aber nach zwei Minuten lässt der Schmerz etwas nach und ich merke, dass ich die Hand normal bewegen kann. Auch der Druckschmerz ist gut zu ertragen und so bin ich etwas beruhigt. Ingo hat natürlich ein etwas schlechtes Gewissen, aber beim Eisklettern löst sich nun mal immer wieder Eis und zuvor hatte er ebenfalls von oben einiges abgekriegt. Wir haben jetzt den letzten Steilaufschwung vor uns, von oben kommen andauernd Spindrifts, ich steige teilweise mit geschlossenen Augen höher. Der feine Schnee kriecht mir in den Nacken und das kalte Schmelzwasser läuft mir über den Rücken. Anscheinend sind die Österreicher im flachen Gelände angekommen und treten andauern lockeren Schnee los. Doch als das Seil aus ist und ich Stand mache merke ich, dass es zwar flacher wird, das Eis aber noch immer so hart bleibt, keine Spur von lockerem Schnee. Die Spindrifts kommen von ganz oben und werden von einem kalten böigen Wind, der uns nun auch erreicht, gelöst. Während Ingo nachsteigt wird es vollends dunkel. Die Stirnlampen hatten wir den ganzen Tag am Helm gelassen und so müssen wir nicht im Rucksack nach ihnen kramen. Noch zwei Seillängen dann erreiche ich gegen 19.30 Uhr die Breche de Droites, unseren Gipfel. Der richtige Gipfel ist noch etwa 50m höher und weiter links. Aber die Motivation dort noch hin zu steigen geht gegen Null. Nach dieser langen Wand macht dies sicher auch sonst keiner. Zum Glück bin ich jetzt nicht mit Achim unterwegs, der immer noch zum Gipfel hoch will während ich mich mit dem Durchsteigen der Wand zufrieden gebe und geistig schon im Abstieg bin.

Abseilfahrt ins Unbekannte
Ich hatte eigentlich erwartet in der Breche erstmals wieder richtig stehen und eine kleine Pause zu machen zu können, aber es geht auf der anderen Seite gleich genauso steil runter wie wir hoch gekommen sind. Zum Glück komme ich genau an der ersten Abseilstelle raus und kann an ihr Stand machen. Als Ingo nachgekommen ist, leuchten wir mit unseren Lampen in die Tiefe, doch das Licht verliert sich in dunklen Abgründen. Weit und breit nichts von der nächsten Abseilstelle zu sehen. Wir schauen uns fragend an. Aber hier bleiben können wir nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig als mich in die Dunkelheit abzuseilen. Wenigstens wird es nach einigen Metern etwas flacher. Ich erreiche eine Rinne und pendle in ihr hin und her, leuchte nach links und rechts und suche, während ich mit dem verkrangelten Seil kämpfe, nach der nächsten Abseilstelle. Das ganze dauert ziemlich lange, aber schließlich entdecke ich erleichtert ein Schlingenbündel. Das gleiche Spiel wiederholt sich im Folgenden noch viele Male. Insgesamt müssen wir ungefähr 500Hm abseilen. Obwohl ich morgens vor dem Aufbruch noch eine neue Batterie in die Stirnlampe getan hatte, wird ihr Schein nun immer schwächer und das Suchen der Abseilstellen schwieriger. Bis auf einmal, wo sich aber eine gute Schlinge über einen Felskopf legen lässt, finde ich jedoch jedesmal irgendeine Abseilstelle, teilweise sind sie aber unglaublich schlecht. Zwei rostige alte Haken mit einer vermoderten Schlinge verbunden und ähnliches. Vermutlich gibt es mehrere Möglichkeiten abzuseilen und wir sind nicht auf der besten Route unterwegs. Als wir endlich über die Randkluft zum ersten ebenen Platz seit langem schweben ist es bereits 0.30 Uhr. Wir setzen uns in den Schnee. Ich hätte größte Lust mich einfach hinzulegen und eine Weile zu schlafen. Im Sommer wäre dies vielleicht möglich gewesen. Aber wie kalt es in einer sternenklaren Februarnacht auf knapp dreieinhalbtausend Metern wird, merken wir schnell. Wir machen trotzdem fast 90 Minuten Pause und trinken dabei unseren letzten Vorräte. Mit unserem kleinen Gaskocher versuchen wir noch etwas Schnee zu schmelzen. Damit der Kocher nicht umfällt, müssen wir die Kartusche in den Schnee eingraben. Die Folge davon ist, dass ist die Heizleistung stark sinkt. Obwohl das Aufstehen viel Überwindung kostet und mich meine Fußgelenke durch das Scheuern in den unbequemen Plastikstiefeln schmerzen, brechen wir irgendwann doch in Richtung Couverclehütte auf.

Der lange Marsch im Dunkeln
Ich hatte mich vorher kaum mit dem Abstieg beschäftigt, da ich davon ausgegangen war, dass wir nur irgendwelchen Spuren hinterherlaufen müssten. Außerdem war Ingo schon mal vom Gipfel der Courtes zur Couverclehütte abgestiegen und kannte sich ein wenig aus. Doch es sind keine Spuren zu sehen, die Österreicher vor uns sind offensichtlich an einer anderen Stelle rausgekommen. Tendenziell müsste die Hütte in Abstiegsrichtung gesehen schräg rechts sein, aber im Mondschein sah der Gletscher dort nicht besonders einladend aus. Ingo meint, wir sollten uns deshalb eher links halten. Ich bin nicht gerade begeistert einen Umweg zu laufen. Da ich aber überhaupt keine Ahnung habe, ob man üblicherweise nach links oder rechts geht, stimme ich zu und laufe ihm einfach hinterher. Zunächst geht es noch recht steil hinunter und wir kommen schnell vorwärts. Doch bald wird es flacher und der Schnee immer tiefer so dass wir meist bis zu den Knien und teils bis zur Hüfte einsinken. Man muss sich jeden Meter hart erkämpfen. Wenigstens treffen wir wieder auf alte Spuren. Das erspart zwar die Wegsuche, aber offensichtlich war beim Entstehen dieser Spur der Schnee deutlich härter gewesen. Jedenfalls sinken wir mit schöner Regelmäßigkeit wesentlich tiefer ein als unsere Vorgänger. Da meine Stirnlampenbatterie nun vollkommen versagt, kann ich nicht mal in Ingos Fußspuren laufen. Die Tatsache, dass ich mir jeden Meter hart erkämpfen muss, zusammen mit der Ungewissheit, ob wir überhaupt auf den richtigen Weg sind, lässt meine Motivation weiterzulaufen gegen Null sinken. Dazu kommt noch der immer grösser werdende Schmerz durch die aufgescheuerten Füße. Alle paar Minuten setzte ich mich in den Schnee, lehne mich gegen den Rucksack, betrachte den Sternenhimmel und warte bis ich vor Kälte zu Zittern beginne. Dann stehe ich etwas erholt auf und trotte Ingo hinterher, der zu diesem Zeitpunkt wesentlich mehr Auftrieb hat und meist einige Meter voraus geht. Auf einmal bleibt Ingo stehen, ich höre nur ein leises Schimpfwort und frage mich, was wohl passiert sei. Als ich ihn erreiche sehe ich, dass die Spuren vor ihm enden und der Weiterweg durch einige Spalten unpassierbar ist. Offensichtlich waren die Spurenleger hier auch umgedreht. Langsam wird mir klar, dass wir die Hütte in dieser Nacht gar nicht mehr erreichen würden. So kehren wir um, erreichen aber wenigstens schon nach zehn Minuten die Abzweigstelle, die wir vorhin verpasst hatten. Einige Zeit später die nächste Überraschung. Der tiefe Schnee hört auf, wir laufen auf hartem Eis und vor uns ist ein steiler Hang, der im Dunkeln ziemlich unangenehm zum Absteigen aussieht. Wir sind unsicher, ob wir da wirklich runter müssen, aber oben sind nirgends Spuren zu sehen. Dann entdeckt Ingo eine Schlinge, die über einen im Eis festgefrorenen Felsbrocken gelegt ist. "Aha, hier müssen wir also nochmals abseilen". Ganz wohl ist mir nicht beim Anblick dieser Abseilstelle, doch der Hang scheint unten flach auszulaufen. Im Falle eines Falles müsste es eigentlich recht glimpflich ausgehen. Die Abseilstelle hält und unten setzt sich auch wirklich die Spur fort. Was mir wieder etwas Auftrieb gibt, sie biegt nach rechts ab und läuft nun genau in die Richtung, wo wir die Hütte vermuten. Wie weit es aber noch bis dahin ist, können wir überhaupt nicht schätzen. Ich betrüge mich ein wenig selber und stelle mir vor, die Hütte sei hinter dem nächsten Hügel und wir wären in einer Viertelstunde dort. Wenn wir dann nach hartem Ringen mit dem tiefen Schnee und dem andauernden Einsinken die Stelle erreichen, verschiebe ich die Hütte einfach im Geiste hinter den nächsten Hügel und so weiter. Bei einem kleinen steileren Abhang setze ich mich einfach auf den Hosenboden und rutsche neben der Spur runter um ein wenig Kraft zu sparen. Doch plötzlich sehe ich ein Loch im Schnee, dass verdächtig nach einer Spalte ausschaut, auf das ich genau zusteuere. Ich versuche zu bremsen, was mir auch wenige Meter vor dem Loch gelingt. Um mich herum knackt es aber bereits und einige Risse entstehen. Ich habe das Gefühl einige Zentimeter abzusinken, vielleicht ist es aber auch nur Einbildung. Jedenfalls ist die Müdigkeit für einen Augenblick wie weggeblasen und ich werfe mich Richtung Spur. Der Schreck steckt mir noch in den Gliedern als wir weiterlaufen. Die Zeit verrinnt und langsam beginnt es heller zu werden. Endlich kann ich wieder besser sehen, wo ich meine Schritte hinsetze und meine Motivation steigt schlagartig an. Jetzt sehen wir auch die Hütte, sie ist vielleicht noch eine halbe Stunde entfernt, aber vor ihr erwartet uns noch ein Gegenanstieg. Ich schlage vor gar nicht mehr zur Hütte zu gehen da ich mit meinen schmerzenden Füssen keinen Meter mehr als nötig laufen will. Wir biegen also links ab und halten uns Richtung Lechauxgletscher. Von hier sieht man gut in die Grandes Jorasses-Nordwand. Es ist immer wieder ein grandioser Anblick. Ich erinnere mich an meine Begehung des Walkerpfeilers, die bereits über zehn Jahre zurückliegt. Ich denke auch an Robert, der vor einigen Jahren einmal im Winter über zwei Tage alleine im oberen Teil der Colton-McIntyre-Route auf den Hubschrauber gewartet hat nachdem er sich bei einem Vierzigmeter-Sturz das Fußgelenk zertrümmert hat. Kaum vorstellbar, was er in diesen Stunden durchgemacht hat.

Alleine ins Tal
Wir sind etwas unsicher, wo wir am besten zum Gletscher absteigen können, aber als wir eine alte Skispur entdecken, wissen wir, dass wir richtig sein müssen. Unten angelangt, sollte für mich die Plagerei eigentlich vorbei sein. Endlich kann ich meine Firngleiter einsetzen. Angesichts der flachen, gut ausgefahrenen Spur, bin ich guter Hoffnung, dass sich das Mitschleppen nun doch noch auszahlen wird. Ich habe zwar ein etwas schlechtes Gewissen, Ingo alleine laufen zu lassen, aber ich will die gewonnene Zeit nutzen und in der Zwischenzeit mit Zug oder Bus von Chamonix nach Argentiere fahren um das Auto zu holen. Ingo plant nach Montenvers zu laufen um dann mit der Zahnradbahn nach Chamonix zu gelangen. Das Firngleiterfahren funktioniert wirklich super. Ich fuhr zwar breitbeinig und wenig elegant, komme aber wesentlich schneller und kraftsparender als ein Fußgänger voran. Die vielen Spalten, die man auf dem Mer de Glace im Sommer oft mühsam umgeht sind alle zugeschneit, so dass es meist einfach geradeaus geht. Schnell bin ich auf Höhe Montenvers. Ich überlege kurz, ob ich von dort auch mit der Bahn fahren sollte. Ich befürchte nämlich, dass die oft eisige und steinige Talabfahrt mit meinen Firngleitern wieder zu einem Fiasko werden könnte. Ich bin aber durch die schnelle Fahrt ziemlich in Hochstimmung und als ich an die Bahnkosten denke, ist die Entscheidung schnell gefallen. Leider nicht die richtige, wie sich noch rausstellen sollte. Prompt wird das Gelände schwieriger, immer wieder sind kurze steile Passagen und harte Eisplatten eingestreut. Die ersten Stürze lassen demnach auch nicht allzu lange auf sich warten. Oft gibt es nun mehrere Wegmöglichkeiten und ich versuche natürlich immer die fahrtechnisch leichteste zu erwischen. Plötzlich stehe ich vor einer steilen Passage, die ich unmöglich befahren kann. Ich schaue nach links und rechts, wo es eine leichtere Möglichkeit gibt, kann aber nichts entdecken. Es bleibt mir nichts anderes übrig als die Firngleiter abzuschnallen und ein Stück zu Fuß zu gehen. Ich denke, bald wieder auf eine bessere Spur zu treffen. Außerdem müsste bald die Stelle kommen, wo man den Gletscher nach links verlässt um dann auf einem Waldweg nach Chamonix zu gelangen. Ich bin erst einmal auf Skiern hier abgefahren. Das war nach dem Gabaroucouloir am Tacul, dies ist jedoch viele Jahre her. Damals bin ich einfach Olaf und Alex hinterhergefahren, die die Abfahrt bereits kannten. Nachdem ich etwa 100Hm abgestiegen bin höre ich ein Geräusch hinter mir. Einer der Firngleiter hat sich vom Rucksack gelöst. Ich hatte sie nur unter die Deckeltasche gesteckt. Als ich ihn wieder befestigen will, merke ich, dass der andere Firngleiter ebenfalls fehlt. Ich lasse meinen Rucksack liegen und steige meinen Spuren folgend wieder hinauf. Jetzt merke ich erst, wie müde ich bin. Immerhin bin ich jetzt schon über 30 Stunden unterwegs seit wir die Hütte verlassen haben. Der Firngleiter liegt natürlich fast ganz oben, nur wenige Meter unterhalb der Stelle, wo ich sie abgeschnallt hatte. Ich erreiche wieder mein Gepäck und steige weiter ab. Ein Stück tiefer kann ich den Gletscher in seiner ganzen Breite übersehen und merke, dass es nirgendwo mehr Spuren gibt. Anscheinend habe ich die Abzweigung verpasst. Beim Hochschauen kann ich aber nichts erkennen und zum Zurücklaufen, ohne zu wissen wie weit, fehlt mir die Motivation. So entschließe ich mich einfach weiter abzusteigen in der Hoffnung eine Möglichkeit zu finden ins Tal zu kommen und zwischen Chamonix und Argentiere auf die Straße zu treffen. Das Gelände ist weiterhin zu schwierig zum Firngleiter fahren. Ich erreiche das Ende des Gletschers und steige über Schnee- und Geröllhänge tiefer, komme dabei recht schnell vorwärts. Das Tal wird nun enger und steiler und ich befürchte, dass es eine Sackgasse werden könnte. Es geht aber noch weiter bis ich am oberen Rand eines ungefähr 20m hohen Steilabbruches stehe. Das Gletscherwasser schießt in einem Wasserfall in die Tiefe. An der Seite steht ein Baum. Ich könnte zwar abseilen. Wenn ich aber das Seil abziehe und unten geht es irgendwann nicht mehr weiter, kann ich nicht mehr zurück und sitze ich in der Falle. Ich muss also zurück. "SCHEISSE! " durchfährt es mich. Das kann Stunden dauern. Zunächst einmal setze ich mich hin und hole mein Handy raus. Ein Glück, dass Ingo seines auch dabei hat. So kann ich ihn wenigstens über mein Missgeschick informieren und die Rolle des Autoabholers an ihn weitergeben. Ich esse ein paar Riegel. Für richtigen Hunger bin ich zwar zu schlapp, ich denke aber, dass es mir im bevorstehenden Anstieg etwas helfen könnte. Mühsam schleppe ich mich höher, der Schnee ist weich und das rutschende Geröll arbeitet jetzt gegen mich. Die Sonne brennt vom Himmel. Ich sollte jetzt eigentlich Gesicht und Lippen einschmieren, aber ich bin zu faul den Rucksack abzusetzen. Ich brauche über zwei Stunden für ca. 400 HM. Dann treffe ich eine Gruppe Skifahrer. Sie stehen am Gletscherrand, dort beginnt ein Fußweg. Ich frage sie, ob dies der Weg nach Chamonix ist. Sie bejahen, schauen mich aber ganz seltsam an und fragen, ob alles mit mir in Ordnung ist. Anscheinend muss ich ziemlich erschöpft daherkommen. Als ich die Abfahrt erreiche, beginnt wieder der Kampf mit den Firngleitern. Es ist meist sehr eisig und neben dem Weg geht es steil den Wald hinab. Wenn ich bei einem Sturz dort hinunter fliegen würde, wäre es äußerst unangenehm. So rutsche ich meistens seitlich ab um die Geschwindigkeit im kontrollierbaren Bereich zu halten. Zunächst bin ich froh, dass wenig los ist und mich fast niemand bei meinem wenig eleganten Abfahren beobachtet, aber bald wird mir klar warum kaum jemand ins Tal fährt. Der Weg wird immer steiniger und immer öfter besteht der Untergrund für einige Meter nur aus Dreck. Normale Skier würde man bei dieser Abfahrt schnell ruinieren. Nach der Hälfte habe ich auch die Nase voll und gehe wieder zu Fuß weiter. Die schmerzenden Fußgelenke versuche ich einfach zu ignorieren. Gegen 14 Uhr erreiche ich das Tal, ungefähr 36h nach dem Aufbruch an der Hütte. Meine Fußgelenke sehen übel zugerichtet aus, ein großer Zehennagel ist blau und wir sich wohl verabschieden, meine Lippen sind verbrannt und das Handgelenk schmerzt noch von dem Eisbrocken. Aber endlich nicht mehr laufen, endlich aus den Plastikstiefeln raus und endlich trinken, trinken, trinken. Ingo war inzwischen mit dem Zug nach Argentiere gefahren und hatte das Auto geholt, so dass wir gleich Richtung Heimat weiterdüsen.